Was alles noch geschah

Für alle, die in letzten Wochen nicht das Vergnügen hatten, mit mir einen Plausch zu halten, hier mal was über meine Fußspuren.
Die hab ich ganz tief in Remetea hinterlassen. Bei all den Leuten, denen ich handwerklich aushelfen konnte, und bei denen, die ich bequatschen durfte. Im Prinzip hab ich dort nichts anderes getan, als den Leuten zur Last zu fallen, mit meinen Wünschen, hier und da deren Alltagstrott mitzugehen, auszuprobieren, was ihnen so selbstverständlich ist zu tun.
Nach einem gehaltvollen EFD-Seminar in den Bergen und ein paar Wochen naschen und Ostereier bemalen in Remetea, was mir die Eigenheiten der Landsleute und die Sprache diesmal deutlich näher brachte, kam meine Familie endlich. Es wurde Zeit, sie sahen alles, sie sahen die Realität und nichts konnte ich mehr verheimlichen :) Zu Ostern also fuhren wir durch halb Siebenbürgen, um nur an den schönsten Stellen, mir bekannten und unbekannten Orten vorbeizuschauen. Wer hat es nicht gern, eine Reise zu planen und die Rechnung von anderen Händen begleichen zu lassen?!

Ich widmete mich enthusiastischer den je den Kindern in meiner Schule. Wenigstens bis zum Sommer noch ein paar Eminescus (populärer Autor) und Oberths (Mathematiker und Astronom) hochzupäppeln. Beschäftigte mich mit bestimmten Kindern, wo ich kleine Fortschritte sah. Jetzt weiß ich und bin beruhigt, wenn Donnerstag die Ferien anfangen, dass nächstes Jahr wieder jemand da sein wird. Was ist nämlich passiert: der Wohltätigkeitsverein der Insel of MAN hat einen Fond der Regierung zugesprochen bekommen, mit dem sie für die Kinder pädagogische Betreuung während der Schulzeit, Hausaufgabenhilfe und Nachmittagsaktivitäten einrichten. Eine meiner italienischen Mitfreiwilligen wird dafür Projektverantwortliche. Eine große Chance für sie. Ich bin sogar neidisch, denn dort und mit diesen Leuten solche, auch entwicklungspolitische Arbeit zu tun, reizt mich seit neuestem. Also an dieser Stelle nocheinmal der Appell: Wer gern etwas Gutes tun möchte, nicht weiß wohin mit den Spesen (Greenpeace kann auch nicht immer garantieren), der sollte mich als Mittler zu diesem Projekt gebrauchen. Ich stehe mit meinem Namen für die effektive Verwendung. Und ich werde weiter bohren.
Im Tagescenter bei den Schizos und Retardierten läuft alles rund. Gemeinsam mit meinem dazugestiegenen deutschen Kollegen halten wir die vielen Seelchen auf Trapp. Ich übersetze Spielanleitungen und setze die Saat der Schnittblumen falsch, übe Englisch und sporne zum nähen an. Ein Bericht ist zu schreiben.
Meine Mitbewohner sind den Anblick meines leeren Bettes schon gewohnt, den es übers Wochenende bietet. Ich führte die neuen EFD-Freiwilligen wie ein Kenner nach Remetea und durch die umliegenden Gefilde. Alles mit dem Mittel des Trampens, war ich auch an einem Kinderfestival zum 1. Juni für junge Roma und deren Familien beteiligt. Die brauchten Unterstützung von Freiwilligen mit Rumänisch-Kenntnissen. Das Ganze bei Hermannstadt.

Und letzte Woche dann das langersehnte Delta. Einmal in der geschichtsträchtigen Donau schwimmen!! Pah, aber bis man dort erstmal ankommt, 920 Kilometer überwindet, da kann einem schonmal ne Hauptstadt im Wege liegen. Die nahm uns in Beschlag. Unsere private Öffentlichkeitsarbeit sollte mal wieder mehr Beachtung bekommen: Die jährliche Gayparade (Homosexuellendemonstration) sollte uns als ehrliche Wesen nicht missen. Und wow, für mich ein Erfolg, das Parlament war zumindest anwesend, auf dem Balkon hatte es seinen Platz eingenommen. Wisst ihr, der der Balkon des größten Hauses (Präsidentenpalast) überhaupt, auf dem sich der Schreckensherrscher Ceaucescu nicht gern hat blicken lassen, sich aber ein anderer wohl fühlte und zur Masse herunterschrie: „Heey Budapest“ – dieser eine Michael Jackson, das stimmt, er aber in Bukarest. Nach einem netten Abend warfen wir uns ins Zeug, ich zeigte wieder meine Beine und auf gings Richtung Schwarzes Meer. Darstellungskunst war nötig, der Süden des Landes ist verschlossen gegenüber Trampern, das merkten wir. Ganz anders als ich bis jetzt in meinem Transilvannien erlebt.

Drei Tage Kanumanöver, Schlengelfahrt. Der nervöser Navigator, ich, wird regelmäßig mit Späßen besänftigt vom Steuermann, der ja nix dafür kann wenn das Paddel macht was es will. Segelkunst und Algenhacksalat. Achtung vor Wildpferden in dem alten wald von Letea. Betörende unbekannten Düfte und verschmitzten Ukrainern beim abendlichen Schach. Lahme Büsche, Boothotels und gegrillter Som (Wels). Eigenartigerweise, (das Gefühl kann ich erst jetzt definieren), fühlte ich ständig die Präsenz der Fischer, Siedler und Wanderer die in den letzten Jahrhunderten das Delta bevölkerten und kultivierten.

Die Rückfahrt war abendteuerlich, wie immer. Dennoch, diesmal im Laderaum eines mordslüstigen Schofförs. Glücklicherweise vermied meine Sitzposition den Anblick der Akrobatik seines Ellenbogens, wie auch den der Straße, 6 Stunden ohne Sitz – kein … .

Auf den Schmorfeldern von Mitte März beginnt jetzt die natürliche Saat zu treiben. In dieser Jahreszeit geht man sehr tolerant mit Flächenbrand um, er wird, gezielt und geleitet von Hirten, zur Fruchtbarmachung der Böden genutzt. Das macht einen Flickenteppich, bis an die Straßen reichend – war es ein ansehnliches Feuer, hab ich den Wärmedruck im Autobus auf dem Gesicht gespührt.

Unter der Fahne der EU.

Rebhühner peitschen vom Weg.

Ländliche Höfe, dies auch in der Stadt gibt, haben große bunte Fassaden und verzierte Tore. Das macht neugierig. Gut, meine Neugier nicht zu Zügeln hab ich mir eh hinter die Ohren geschrieben. Das schöne ist, man geht einfach vorbei und klopft an die Tür um mit bisschen interessiertem und tagträumerischem Geplänkel etwas vom nahen Leben zu sehen. Mehr noch auf dem Dorf ist für die Leutchen persönlicher Bezug zu den Menschen in ihrem täglichen Umgang so wertvoll, dass sie dich auch als, sagen wir, das Geschenk des Tages behandeln. Wenig Nutzen bringt ihnen das zum Sich-Vereinzeln neigende „AllerWeltsWissen“. Brauche keinem erklären, was ein Bauer in seinem Kopf bewegt. Nicht von den ständigen Existenzgedanken. Vielleicht aber sollte ich erzählen, wie so gut wie jeder ältere Mensch mir von den Kindern in der Großstadt oder Madrid .

Doch recht oft bekomme ich jetzt gesagt, wie anscheinend gut ich Rumänisch spreche. Praktisch kann ich noch nicht mal die Personalpronomen richtig einsetzen, Halbes Jahr und eine neue Sprache? Nayá … ist das demzufolge für mich das Startsignal für Magyar/Ungarisch? Anscheinend! Denn 4 Wochen hab ichs schon ausgehalten inmitten einer Sprache, die von einigen Rumänen als hässlich abgeschoben wird.

Das leitet uns auch gleich in den Boxring. Wem gehört Transsilvannien? Besitzansprüche vers. Abtretungspathos von Seiten Ungarns gegen jetzigen „Landbesitz“ durch Rumänien. In meiner Pension wird dieses Drama zu jeglicher Gelegenheit wunderbar dargelegt.
Mein Gastvater hat von seinem Vater hat er gelernt, das Margarine nur Petrol ist; Speckfett das beste Gemüse ist; scheinbar auch, dass man Arbeit nur an sichtbaren Resultaten erkennen kann. Beispielhaft sorgt er für seine Familie aus, kein Tag an dem nicht 2 Zigeuner zum Arbeiten bestellt, kein Sonntag ruhig ohne Telefonate, heute wurden neue Sonnenkollektoren aufgebaut.

Eine doch erstaunliche Kaufkraft gibt es hier in Rumänien. Shopping-Malls, Praktiker und Juweliere sprießen. Ich habe gehört, nur die 40 % starke Landbevölkerung und der große Rentneranteil würden die Quote drücken. Nah wenn dass nicht mal ein positives Argument für das Frischlings-EU-Land ist.

Die Magnolien stehen angeputzt an der Straße, wartend, dass die Bienenstockpforte aufgesperrt wird.

Da steh ich am Abwasch und stell mir die 9 stündige Zugfahrt am Sonntag vor, die ich zum Mittel- Seminar aufzunehmen hab. Recht belustigt nehm ich wahr, wie ich jetzt schon weiß, mit welch anderen Prioritäten ich dort die gesamten Selbsterfahrungsübungen auf mich wirken lassen werde, weniger klein werde ich sein. Schon jetzt im Stehen weiß ich, auf welch gesetzte Art ich im Demmelzug nach Predeal tuckern werde. Ich hoffe wir sitzen im richtigen Abteil, indem eine fahrende Gypsyband ihre Instrumente zum Spiel auspackt und die mir nun etwas geläufige Landschaft in neuen Farben zeigt; mich die allmähliche Gelassenheit gegenüber rumänischen Eigenheiten nicht ganz einnehmen kann.

Hab mir Urlaub genommen, schon wieder

Ein 25-Stunden-Theater-Marathon mit morgendlichem Revitalisierungsprogramm:

Mittwoch hab ich Sage und Schreibe 7 Stunden auf meine deutschen Gäste gewartet. Langeweile treibt einen Morgends halb 9 zu solch einer Aussicht:

Nach noch ner Burg und nem reichlichen Königsessen, Flucht ins Gebirsch:

Von Sternen zu Stehlen

Ich hab eine Geschichte erzählt bekommen.
Eine Journalistin kannte eine alte Gypsyfrau, die sich mit ihrem letzten Besitz niedergelassen hatte. Ein Herrenhaus war es gewesen, in dem sie ihr „Pension“ verlebte, herrschaftliche Fassade, herrlich und stattlich anzusehen. Vorerst für keinen nachvollziehbar, riss die alte Frau mit eigenen Händen ein Loch in die Decke, ins Dach wohl auch. – Weshalb sollte man so etwas unvernünftiges tun? So fragte auch die Jounalistin nach, ganz brüderlich. Und wie ich mir so ein runzlig-weiches Großmuttergesicht einbilde meinte sie zur Antwort, sie könne nicht schlafen, ohne die Sterne Nachts.
Wie ich finde, zeigen diese Verse wunderbar, mit was für einer anderen Sichtweise aufs Leben geschaut werden kann, durch welche Prioritäten man angetrieben sein kann.

Vom vergangenen Winter vergisst man einen tränenrührenden Vorfall nicht.
Hinter einem Waldstück, durch das eine für mich zur Zeit wichtige Anbindungsstraße nach Oradea verläuft, bezogen ein paar von der Kälte gepeinigte Zigeuner einen Futterkrippeähnlichen Unterstand, der ihnen offensichtlich nicht gehörte. Sie zogen provisorische Wände rein (Blickschutz^^). Sie waren sicher. Nach einigen Wochen wurde die Policia von einem Spitzel, vielleicht einem benachbarter Bauer, darüber unterichtet. So wars dann auch vorbei. Die Zigeuner wurde aggressiv rausgetrieben, was mit ihnen passierte, kann ich nur vermuten. Was allerdings erschüttert: die Bonzenpolizei nimmt sich heraus den angesammelten Hausrat zu nem Feuerchen zu türmen, später alle zurückbleibenden Klamotten zu verbrennen.

Meine Bekannte mit ihrem frisch vermälten Holländer kann nur zuschauen, sprachlos, hilflos.

Engstirnisch, gekauft. Sein eigenes Gewissen ist nicht zu schade, um dem Armen das letzte Hemd zu verbrennen. Mafiosis stehen ja hinter einem, die wirklichen Verbrecher, die offensichtlichsten werden zu den populären Persönlichkeiten der Kleinstadt, auch deshalb unantastbar. Statt zu versuchen, den Erbärmlichsten kleine Hilfen zu geben, wir ihnen das Wenige genommen, und sich müssen wieder illegal schuften, fremdes Eigentum an sich bringen. Was für eine mordsmäßige Diskriminierung, zugelassen.

Wisst ihr eigentlich, das Wort ’stehlen‘ kommt in Țigani (Sprache der Zigeuner) gar nicht vor, nichtmal die Idee davon ist vorhanden. Traditionell hat der Zigeuer kein „Privateigentum“.


rechts oben, 2.v.r., ist ein EFD´ler, Goldschmied aus Portugal, wir haben das Angebot des Cafés genommen (Kaffee und Coissant), die Gypsy Sahnetorte zum Samstag morgen

Popeye

Des Nachmittags um 2: Wer schlaegt mich zum Popeye? Die Haende noch braun von Erde hab ich meinen wohlverdienten ersten Kaffee getrunken, nach 3 h Spinat ernten. Nach der Haelfte des Gewaechshausbeetes schien das Gruenzeug zu mir zu sprechen! Oder wars nur das Ungarisch, was mir fortwaehrend fremd in den Ohren liegt? Die zwei Pflueckerinnen waren nicht zu halten, flachsten in Magyar. Ich war froh, als die Sprache in meine Sprache umschlug, Limba Romana, und dann konnte ich die Gelegenheit nutzen und mit den Krautrupfern die Zukunftsform lernen.
Es ist schon ein Kuriosum hier. Kaum ne Woche auf dem Dorf, schon haben sich viele Bekanntschaften angesammelt. Beispielsweise der Spinatgaertner, der mich mit einer Manikuere fuer zerschundene Haende bezahlen will, oder die Radfahrerin, Mutter dreier Kinder, die mir die hiessigen Radwege zeigt. Ein Live-Schlachtangebot war auch schon dabei. Porc – Schwein

Die Kommunikation ist einfach. Die Huerde ist nicht gross fuer mich, Unbekannte spontan anzuhauen, mich auf ihre Quadtour durch die nahen Huegelwelten mitzunehmen. Dadurch bekam ich gleich den optimalen Eindruck; alle maerchenhaften Vorstellungen vom Dasein der Bauern in Transilvanien sind Wirklichkeit. Deutschland vor 150 Jahren. Vermutlich. Von Holzscheune, den typischen Heuhaufen, Pferdepflug und-fuhrwerken auf den Strassen, abgelegenen Gehoeften und betuchten Bunicas, die noch bis ins hohe Alter auf dem Feld arbeiten, zu den wettergegerbten Grossvaetern, die mit dem Reissigbesen die alten Blaetter zusammenfegen, wenn die Samen schliesslich im Felde sind.
Es ist der Knueller fuer mich. Es ist wunderschoen anzusehen. …….
Und weiter gehts mit dem Quad, durch den Fluss, durch den Sumpf, Fuesse hoch.

Rumaenen ziehen nach Deutschland zum Spargelstechen – Mein Weg fuehrt nach Rumaenien zur Spinaternte.