Archiv für September 2010

Erster „Arbeitstag“

Unglaublich pünktlich zwanzig vor der Zeit trafen Dabid, einer der Spanier, und ich ein, wurden in die warme Stube des „Centru De Zi A.H.P.“ eingelassen. Wir hatten uns am Abend vorher beide für das Tagescenter für Menschen mit psychischen Erkrankungen (Schizophrenie, u.a.) entschieden.
Kein Duft schlug mir entgegen. Das ist ungewöhnlich, denn für gewöhnlich ist es der intensievste Sinneseindruck, dem ich auch mein Vertrauen schenke. Schon von anderen Freiwilligen hörte ich Geschichten über die Zusammensetzung des „typisch rumänischen Duftes“, der mir hier jedoch nicht auffiel. Wie dem auch sei. Stellt euch ein Hauptzimmer, eine Abstellkammer, eine geräumige ordentliche Küche, Toilette, Büro und einen ungenutzten Hinterhof vor. Das ist das Terrain. In Stoßzeiten kann mit kurz über 20 Patienten gerechnet werden. Patienten desshalb, weil sie sich größtenteils in der Klinikzwischenphase befinden. Etwas mehr Personen mit Schizophrenie, weniger mit Rotard.
Die „Leiter“, ein Psychologe und ein Sozialassistent, beide mit guten Englischkenntnissen, begannen nicht mit formalen Dingen, nein. Was ich gut fand: sie fingen mit den wichtigen Verhaltensregeln für den Umgang an: Empathie, Zurücknahme der eigenen Person, Herantasten am Anfang, Auflösen der häufigen Falscheinschätzungen der Krankheiten. Und Schluss, wir wollten und sollten selbst sehen und beobachten.
Ein 33 Jähriger erfreute sich somit an einem von mir angeleiteten Mathematik- und Alphabet-Training ;) sehr professionell, im Hinblick darauf, dass ich so ziemlich ohne Worte sprach, nachdem ich einem über 50 Jährigen, an Schizophrenie erkrankten, die BRD und das ehemalige DDR-Gebiet in die Waagschale legte. Ich lernte viel über das von der „neuen“ Regierung aufgestellte Sozialsystem in Rumänien und das Leben der Menschen mit und ohne Behinderung in diesem System.

Rubrik: Wie Rumänen leben

Handwerker sind sehr freundlich, fragen, wie alle Rumänen, zuerst nach dem Herkunftsland. Man kann sie zu den unmöglichsten Zeiten erwarten, zum Beispiel Nachts halb eins. Unser Kühlschrankreparateur kündigte sich eine halbe Stunde vor eintreffen an – alle Bewohner waren außer Flat, saßen beim Meeting. So schwang ich mich los zur Straßenbahn. tataa und kurz nachdem ich zu spät zu Haus ankam, traf ein älterer sehr netter Herr ein, um kurz darauf mit einem „Pa-Pa“ zu verschwinden, ohne jedoch den Kühlschrank mit kaputten Thermostat zurückzulassen. Ich bin gespannt wies hält. 14.44 Uhr

Erste seriöse Abendveranstaltung

Ich hoffe ihr hattet angenehme Unterhaltung am Wochenende, heut Abend war für mich kultureller Abend angesagt: ein Mädchen der Stadt, die uns alle EFDler im Internet auf Facebook angeschrieben hatte, ging gestern schon mit dem Franzosen und ein paar Freunden zu einem kleinen Rumänsichen Theaterspiel (Shakespeares Hamlet) und schlug heute ein Violienenkonzert vor, im Rahmen der drei Wochen Stadtfest, die gerade stattfinden… ich hängte mich mit ran… und lustigerweise, nicht nur diese ungarische Streicherkunst, auch noch ein langes A Capella-Konzert folgten. Danach noch zu nem Kaffe und Bier, ins „Geckos“, einem kleinen Studentenpub, Tischfußball. Und nun sitze ich in der Jungsflat (die säuberlich aufgeräumt ist, in Erwartung der Letzten, der Spanier ) und nutze das Internet.

Das Ankommensseminar

Ein Sturmwind bläst mir um den Kopf.

Von Straßenlärm keine Spur, keine ohrenbetäubenden Ambulanzsignale, denn ich blicke vom Dach des siebengeschössigen Hotels „Belvedere“ auf genau dieses gigantische Gebirgspanorama. Für genau 6 Nächte verschlug es uns zu siebt in die Südkarpaten; nicht aus Gründen der Zivilisationsflucht, sondern um dort auf andere EFD-Freiwillige zu treffen und mit ihnen mittels des Ankommensseminars auf den Kulturschock und auf Zeiten der kleinen großen Hürden vorbereitet zu werden.

Gemeinschaft
In Summe 76 Freiwillige labten sich täglich am Frühstücksbuffet. Verteilt auf drei Hotels, ursprünglich kommend aus 12 verschiedenen Ländern, darunter auch Uruguay und die Türkei gewann das Treffen eine multikulturelle Dynamik. Ich hatte viel Zeit, die ersten Eindrücke in meiner Muttersprache zu bequatschen, denn Deutschensprechenden mangelt es nicht. Was mir immer wieder auffällt: manche kommen aus Gründen der Verwandschaft nach Rumänien. Sie sind hier verwurzelt. Ihre Eltern kommen aus Arad; eine andere wurde von Franzosen adoptiert und möchte nun ihre Wurzeln kennenlernen. Viele sind hier, weil ihnen der EFD einfach zugeflogen ist. Ein sehr mächtiger heterosexueller Franzose mit ganz freundlicher Art, in seiner Heimat der „gute Bursche“, der fleißig Lohnarbeit ableistet, möchte es allen zeigen.“F**k the others“ sein Motto.
Gebändigt in zwei Gruppen, angeleitet von hochmotivierten, schon hyperventilierenden Teamern stellten wir unsere Projekte in kleinen Präsentationen der Gruppe vor. Mit der Kenntniss über Projekte in anderen Regionen des Landes stellt sich mit der Zeit auch heraus, wen man gern mal besuchen möchte aus Interesse an seinem Projekt („Green the World“; Roma verknüpft mit Rumänen; intermediale EFD-Campagne, um mehr Jugendliche Wissen von diesem Programm zu machen;…), an dem entweder angepriesenen Reiseziel in dem er lebt, oder weil es schon aus der Art & Weise des Reisens und der Reiseroute attraktiv ist und spannend klingt. Oder man die Person liebgewonnen hat.
Tage an denen man offen über seine Erwartungen und Ängste, über Motivation und Selbstkontrolle sprechen konnte, Tipps und Denkanstöße bekam und gab. Auch wiederholt aufgefordert wurde, seine Zielsetzungen zu überdenken. Ich bin immer ganz erpicht darauf, den Anlass & Motivation anderer zu erfahren, zuhören, was sie zu erzählen haben, welchen Lebensstil sie verfolgen. Oder auch eine Parallele zu sehen, wenn sie mir erklären, dass diese EFD-Zeit für sie die Chance einschließt, auszubrechen aus ihrer (ihnen häufig über die Jahre zugedachten) Rolle, glücklicherweise nun frei ihreren eigenen Trott finden können. Auch wenn ich schon am dritten Tag nichts neues „lernte“(nur andere päd. Methoden benutzte), von nicht ganz so gemütlichen „Zu-Sich-Selbst-Findungs-Runden“ angewidert war – sorry für den Ausdruck –, und am liebsten sofort in dem Center für Psychische Beeinträchtigungen Hand angelegt hätte, … es ging nicht. Wir saßen im Bergdorf fest. Es ging auch ganz leicht darüber hinwegzuschauen, da ich mehr als genügend Tanz- und Abwechslungsmöglichkeiten hatte.

Natur und Fauna
Zur perfekten Sonnenuntergangszeit halte ich also meine Kamera gezückt. Sie hat schon ein Meisterwerk vollbracht: einen „Bären“ fotographiert Bild , in der für die attraktiven Bären der Gegend typischen Müllsuchpose. Von der nächsegelegenen großen Stadt Brasov – zu deutsch Hermannstadt – aus bietet man Touristen nächtliche Bergtouren an, für die die Organisatoren regelmäßig eine Ladung Müll an bekannte Stellen schippen, bekannt für hungrige Menschen und Bären.
Für manch einen, wie meine Mutter, wird es interessant sein: höchste Gipfel des schroffen Massivs sind.

Mitte der Woche war so wunderbar warmes Wetter, ich konnte nicht anders, ich schwänzte das Treffen meiner Seminargruppe, was in stickigen Gemäuern stattfand, und ließ mich auf den nächstgelegenen Berg mittreiben- von den anderen in der Masse versteckt – denn die andere 20 Mann Gruppe ging wandern. Vegetation wie zu Hause im Erzgebirge, nur dass die Fichten höher scheinen. Nach und nach, während ich über deutsche Kinderlieder sprach und nebenbei mein ungünstiges Schuhwerk gebrauchte, kam meine Vitalität zurück. Die superste Versorgung mit Mahlzeiten führte in verheerenden Ausmaßen zu Verschlackungen und Trägheit. Der „Gipfel“, eine Alm. Extrano el olor de la vacas – Ich vermisse den Geruch von Kühen. Sonne Sonne Aussicht Freiheit. Ein gutes Gefühl, bald den Sonnenbrand auf der Nase zu spüren.

Mal was Ausfuehrliches

Ohne es recht zu realisieren, nicht unterlegt mit wirkungsvoller Filmmusik, fuhren wir langsam vor.

strahlend, weil die Reise schon Spa� macht

Ich bin jetzt seit 11 Tagen, wenn mich meine mathematischen Kenntnisse nicht ganz verlassen haben, in Oradea, einer rumänischen Stadt im Westen des Landes, stark beeinflusst von den ungarischen Nachbarn.
Dienstag, 07. September, die studentische Brigade begleitete mich und mein Gepäck unter der kompetenten Begrüssung von Laurentiu, meinem Mentor, in meine neue Blockwohnung. Sie ist so perfekt, wie ich nicht geglaubt hatte, wenn man über Kleinigkeiten wie reparaturbedürftige Schränke, Toilettenspühlkasten, Kühlschrank und toten Toaster, gelegentlich ausfallendes Wasser und Elektrizität hinwegsieht. Denn wer kann schon wählen, auf einem verglasten Balkon ital., franz., span., litauisch und dt. kochen oder doch lieber eine westliche Lucky Strike auf dem anderen sowohl an mein Zimmer grenzenden, als auch inspirationstüchtigen Balkon zu inhalieren. Nicht dass ich… aber meine etwas verschrobene Zimmerinsassin.
Die vier Jungs aus Dresden blieben für 2 Nächte, denn die Wohnung war ja mein. Sie konnten sich nicht Trennen von der begrünten ständig bewegten Stadt mit der kleinen austrian-barocken City. Gemeinsamer Stadtrundgang mit der Anleitung meines rumänischen Mentors und Pastors vorbei am „Crisul Repede“, dem Elbeähnlichen Fluss direkt durch die Innenstadt, einem Besuch in der Zitadelle, einem FastFood-Restaurant und aus notgründen einem der grossten Supermärkte die ich je besucht habe, waren so die greifbaren Programmpunkte. Anders betrachtet liess der erste Teil der Anreise fuer mich konzentrierte und sehr angenehme Gemeinschaft zu.

Die Karpaten fürchten sich vor den Gebrauchsspuren dieser Reifen in der Erde

Danach kamen ein paar Tage, in denen ich allein mein Ghetto erkundete, auf der Suche nach lichten Stellen, auf denen man ohne Verrenkung die bräunende Eigenschaft der Sonne nutzen konnte (ein Spielplatz gegenüber einer Tankstelle, eine Gegend wie ein Dorf). Es tat mir gut, nach so viel spontanem und auch geleitetem Abschiedszeremoniell in den Tag hereinzuleben.
Meine deutsche Mitbewohnerin Natascha ais Mainz durfte ich am Samstag gemeinsam mit Laurentiu am winzigen Flughafen begrüssen. Eingeladen in das viel gehuldigte „The Bridge“-Pizza Restaurant konnten wir unkompliziert gegenseitig uns Frage und Antwort stellen; um dann platzend und mit leichtem Garlick-Geschmack auf den Lippen in den folgenden Tag zu entträumen.
Der Sonntag gestaltete sich mit dem Antasten meiner ersten eigenen Vorräte, dem Kundgeben meines frisch erworbenen stadtkundlichen Wissens (quer durch, nur mit Kompass im Kopf, ohne dass ich die Strassen je besucht hätte, so wie ich es am liebsten mag), vobei an Bio-Geschäften, unter herunterhängenden Stromkabeln und über Baustellen, durch dörflich anmutende farben -und Türklunkenfrohe Sträschen, plötzlich an der zentralliegenden „Black Eagle“ Passage vobeischlitternd und sich das tobende Nachtleben vorstellend, durch den angrenzenden mit sozialistischen Denkmälern gespickten Park, an unfertigen orthodoxen Kirchen vorbei über eine Brücke, in den nächsten Park und an einem Wasserspender erquickt und vollgesuzt das WorldcupSchwimmbad findend, froh, sich für irgendwann vorzunehmen, mal auf den kleinen Hügel der Stadt klettern zu koennen, der mit Sicherheit eine gute Sicht birgt. Während 2 Cappuccino, in einem dämmrigen lila Mädchencafe‘, für schätzungsweise 1,80 Euro, erste Rumänischsätzhen gelernt. Auf DER Promenade den Heimweg bestritten.
… usw…
Dann kamen die anderen. Es wurde gemischt. Nicht schwarz-weiss, sondern bunt. Wie immer natürlich jeder mit seiner Note, oftmals jedoch ähnlich die neue Kultur auffassend.

In der „Bridge“ konnte ich dann zusammengefasst nochmal auf Informationen die nahe Zukunft betreffend bauen, da es mir ja offensichtlich mehr als den Anderen schon unter den Fingern brannte. Wir bekommen Sprachkurse von einer Einheimischen, 2-3 Mal die Woche, wie wir bedürfen (grammatischen und landeskundlichen Stuff); wir werden die Möglichkeit gehabt haben, jedes Center, in dem wir unsere Hilfe freiwillig zur Verfügung stellen können, in den folgenden Tagen zu besichtigen -> darunter wie folgt- ein Freizeitcenter für Kinder mit Autismus; ein Down-Syndrom-Tages-Center und eines für psychische Erkrankungen, wie Schizophrenie; ein Center, das körperlich/geistig gehandicapte Kinder vormittags betreut, eines, das MS-Erkrankte betreut, ein Altenheim, in Kinderkrankenhaus, ein Roma-Kindergarten (welches nur Kinder aus dem naheliegenden Roma-Dorf aufnimmt) und eine angrenzende Schule, deren einzige Lehrerin wirklich Hilfe nötig hat; und eine sehr angeschlagene Schule in einem anderen Ort, auf die, wegen wirtschaftlichen Problemen nur noch die Kinder wirklich armer Familien kommen; wir koennen einen Sportcup für sportliche gehandicapte Jugendliche planen, eine Pink-Kampagne ueber Brustkrebs starten, den Neubau eines Hauses für betreutes Wohnen planen, in das wir die Hilfe anderer EVS-Freiwilliger einbeziehen, wir werden vermutlch einen Quietscheentchencharitycup fuer nächsten Juni organisieren, der die immer wieder leckende Kasse der unabhängigen sozialennProjekte auffüllt.

Und passiert ist bis jetzt, Samstag, den 18. September, der Besuch der meisten Arbeitsstellen.
Es war so unglaublich eindrucksvoll; nein, nicht es, sondern der Romakindergarten und die Romaschule in dem anderen Ort. Ihr könnt es euch vorstellen haargenau wie in solchen Filmen/Dokus über Slumviertel. Einwohner, zumindest im Romadorf, stellen sich auf und verlangen nach einem persönlichen Foto, mit dem aber auch die Aufforderung einher geht, es ihnen entwickelt zukommen zu lassen; die kleinen strahlenden Kinder werfen sich dir an die Hand und werden nicht müde beim 1,2,3, Hopsassa spielen(das auf rumänisch „Una, Doua,trei – und wenn sie bis dahin zeahlen koennen- patru, HHEEEI“ heisst). Auch über die Schule, die eine von unzähligen kleinen Dorfschulen ist, denen ein so weitreichendes Schicksal anhängt, kann ich nach kurzer Besichtigung (Leitung durch Rosa, Rentnern von der Isle of Man, Sponsorin und Kaempferin), nicht von Überlegungen über die ganzen interkoninentalen Verstickungen abkommen, und schließe nun schon, man stelle sich vor, für mich nicht mehr aus, meine bis jetzt erworbene Bildung und ein Studium der Sozialpädagogie zu nutzen, um die Kinder der Welt in eine Zukunft mit alternativer Zukunft einführen.

Hach
Jetzt ist das essen fertig. 16.00 Uhr. Pasta von Marisol.

Morgen starten wir mit dem Zug, einem hoffentlich Nostalgie hervorrufenden, nach Brasov zu unserem einwöchigen Ankommensseminar. Bis dahin ist die Wäsche hoffentlich trocken.