Meine zweite Arbeitsstelle

Puh… da ist ja noch was passiert.
Gut einen Monat ist es her, seit ich begann, mich für eine Dorfschule stark zu machen. Ca. 20 Minuten mit dem Bus außerhalb von Oradea liegt das Örtchen Giris, mit einer Bushaltestelle, einem Dorfladen, der Gemeinde, einer Feuerwehr, einem Bürgersaal und der Schule.
Mittwochs und Freitags nehme ich den teilweise schlammigen, zugigen Weg in Kauf …

Seit diesem Jahr allerdings ist die Schülerzahl drastisch gesunken, weil man beschloss, nur zwei Lehrer zu unterhalten, die für die ersten vier Klassen zuständig sind. Religions- und Englischlehrer kommen von außerhalb. Die allen bekannte Qualle Crisis, hier mehr als deutlich, nicht mit Deutschland zu vergleichen, hat ihre Tentakeln überall und unerschöpflich viel Energie, die Tinte wird noch viele entscheidungslastige Blätter schwarz färben. Im Klartext heißt das, 22 statt 16 Kinder dürfen in eine Klasse, und die 5. bis 8. Klasse wird gleichmal in den nächsten Ort verlagert. Die Folgen?: Familien, die sichs leisten können, schicken ihre Kinder in den nächsten Ort mit verhältnismäßig rosigeren Umständen. Unter den Kindern schaut mich ein großer Prozentsatz kugelrunder brauner Zigeuneraugen an; die Lehrer sind froh, wenn sie kommen (dürfen). 2 Klassenräume sind beheizt mit befeuerten Kachelöfen, 1+3 & 2+4 Klasse werden häufig in einem Raum unterrichtet, das Lehrerzimmer hält für Ausweichmanöver her. Lehrer werden zu Multitasking Robotern, versuchen nebenbei Individualbeschäftigung zu geben.

Hoyney, eine der beiden Lehrer, nach 10 Jahren Kinderpause so ins Geschäft wieder eingestiegen, wie mans sich nicht wünschen wöllte. Nicht nur ihre Aufgabe, Sport, Musik und Ökologie zu geben, wozu sie nie ausgebildet wurde, sondern auch, unvermittelt die Verantwortung aufgedrückt zu bekommen für den total unterschiedlichen Kenntnisstand der kleinen Köpfe einen für jeden interessanten, anspruchsgerechten und vielseitigen Unterricht zu geben. Sie war von Anfang an überfordert, hat eine Grisgramsgrimasse entwickelt und ihr Autorität damit aufs Spiel gesetzt.
Und jetzt kommt Viola (Name jetzt geändert) zum Einsatz. Die Britin hilft gemeinsam mit ihrem Mann und deren Wohltätigkeitsverein, wo sie nur kann. Wenn sie nicht gerade versucht, den Unterricht zu hospitieren und nebenbei Hoyney aktiv unterstützt, als Lehrerin den Respekt ihrer Klasse zurückzubekommen, dann trifft sie sich mit dem Bürgermeister, um Innovationsvorschläge anzubringen, das Ehepaar organisiert einen Dorfbrunnen, als auch ein ausrangiertes funktionstüchtiges Feuerwehrgespann importiert aus ihrer Heimat. Oder sie trifft sich mit mir, auch Sonntags, zu einem Gespräch über die Dringlichkeit, Freiwillige für die Schule in Giris zu gewinnen.
Da kann ich nicht nein sagen. Ich höre, wie 9 jährige nicht addieren können, ein 11 jähriger Sitzenbleiber in der 4. Klasse immer noch Seiten mit einzelnen Buchstaben zu beschnörkeln hat, und viele der Spitzbuben und Schelme sich noch nie frei von der Leber weg an Pinsel und Farbe bedienen durften.

Viermal hab ich mit den Kindern schon gepinselt und gespritzt, geschnippelt und geräumt. Sie sind laut, sie wuseln herum. Ich verstehe sie mehr schlecht als recht. Hehe, aber ich kann ihnen Anweisungen geben, darauf hab ich mich vorbereitet.
Vermutlich haben sie schon mehrmals meinen Rat wissen wollen, und ich Depp hab sie nur mit einem Lächeln abspeisen können. Sie sind offenherzig, manche schließen mich sogleich in ihre Arme, ich turne ihnen den Handstand draußen auf dem Flur. Wenn es das wirklich gibt hab ich mehr als drei Schatten.
„Anni“.“ Ana“. Ein verschlucktes „Doamna“ („Frau…“), das gleich mit einem ungläubigen Blick von mir erwidert wird.
„Roxana? Das ist doch nicht nötig, du willst mir helfen? Ok, hol frisches Wasser fürs Pinselglas!“ Und eigentlich denke ich: Danke dir, Aufmerksame, meine ganze Logistik hauts grad schon wieder über den Haufen, wer ist die nächste Klasse?; waren es die mit der Winterlandschaft oder dem Dorfbild?; Sind sie im Lehrerzimmer?; wer organisiert Scheren und Bleistifte?; wo ist die Klingel?

Wenn jemand lustig ist, wir die Schulglocke geläutet. Aber auch nur dann, ansonsten beginnt Hoyney die Stunden gefühlsmäßig.

K.O.


1 Antwort auf „Meine zweite Arbeitsstelle“


  1. 1 müttg 08. Dezember 2010 um 22:26 Uhr

    Du wirst ja richtig zum Superblogger- fast jeden Tag ein Eintrag! Ich freu mich! Müttg (you know?)

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