Archiv für Februar 2011

Erdnusssucht – Ein Wort mit drei n

Wäre ich nicht vollgepumpt mit fiktiver Muskelkraft und fiktivem Kaffee und fiktivem Mousse auf Chocolate und fiktiven Vitaminen aus heißer Zitrone würde ich schlapp machen. Da würde ich sagen, ach komm, du hast das Wochenende so gut wie durchgearbeitet, du gönnst dir mal die Badekugel aus dem Westpaket und ne Mütze Schlaf. Normalerweise würde ich so denken, vielleicht hätte ich vor 3 Monaten so entschieden, als ich meine Umgebung zu kennen meinte.
Nun, nach der HÄLFTE stößt mich eine völlig neue und so energiegeladene Kraft an, es ist die Verbrüderung mit die Umgebung, den Menschen an sich das mich umgibt >> Humor: Wenn der Schach spielende Klient meint, die Serienkiller der Vereinigten Staaten wären ein Produkt der Amerikaner selbst, so wie die Rumänen Polenta herstellen. Resignierung: Die Schimmelpilze in der Küche. Ankommen: Das Gewichten können, was und welche Orte ich im Land noch zu erkunden habe. Faszination Bildung: Das Reinversetzen Können in den Sinn der Lehrmethoden, die ich mit Viola in der Schule für die Nachhilfe bespreche – wir spielen UNO. Ethnographie: Die erwägenswerte Lebensweise der Roma, mit ihren Vorstellungen von Recht und Pflicht, mit ihrem großen Familienherzen und riesigen Sinn für Leidenschaft. Großherzigkeit: Mein Glauben. Sprache lernen: Jeden Montag nach einem Wochenende in Sehnsucht, plätscherndes singendes Rumänisch zu hören. Macht des Internets: Der Dalai Lama postet Thesen über Liebe auf einem sozialen Netzwerk im Internet. Humani(t)ästhetisch: Das zerschmolzene Gesicht des Greisen. Netzwerke innerhalb Europa: Nach Budapest trampen mit paar rumänischen Auswanderern aus Moldova, auf dem Weg ins warme Italien. Aufmerksamkeit: Hausmittelchen Zwiebelsaft und die Lalei-Tulpen kommen bei meiner kränkelnden Italienerin nicht an- man ist sie unbelehrbar und stur und alt. Lockerheit: Die völlige Loslösung von der anfangs verspürten Abhängigkeit zu meinen Mitfreiwilligen. Erkundungstouren: Dover wird um einen Rumänen reicher – mein Lehrer zieht Mittwoch als Sozialassistent nach England. Spinnerei: Ich beiße ab vom Kinderriegel den ich bei dem jungen Dieb erspäht hab.

Was hab ich heut getan?
Neben meinem Frühstück um 9 hab ich Telefonate geführt, um den Druck der Plakate und Flyer für unsere Pink Kampagne einzuleiten. Saß mit einem Freund, skypend, und mit einer Partnerorganisation, chattend, noch bis spät in die Nacht zusammen, die optimale Version zu erstellen.
Bin dementsprechend später zur Arbeit, was aber alles ganz locker gesehen wird. An den Sacoșas (Brotbeuteln) weiterzuschneidern war nicht möglich, da der Elektriker am Werk war. Wenn meine morgendlichen Vorstellungen auf diese Weise umgewälzt werden, wie jeden Tag, frag ich mich: was kann denen und mir nun am meisten bringen. Heut wars Schach, Luftsprünge hab ich gemacht als ich zum Übersetzen eines deutschen Manuals geholt wurde, Mails hab ich geschrieben, und während die anderen ne Gruppendiskussion zu Romeo & Iuliete führten, hab ich mir Psychologielektüre zur Hand genommen, mich an den Kachelofen gelehnt, und „Was ist Epilepsie?“ durchgelesen. Über allem die neuen Worte gefestigt, die ich hier und da aufschnappe. Und gata. Und fertig. Das war ein Arbeitstag. Keiner der selbstlosen Sorte.

Gleich kann ich endlich wieder an die Arbeit. Via Internet. Ob ich um 10 noch Zeit finde, zum Schwimmen zu fahrn? Na – ich nehm mir einfach nen Taxi – der Fahrer nimmt ein Drittel von dem Betrag, unter dem die Floristin ihren Valentinsblumenstrauß feil bietet.

Och ne. Jetzt hab ich diesen „Weltfeiertag“ doch erwähnt.

Wer will seins in RON – die rumänische Wärung – umwandeln?

Die Viola (Name nun geändert) ist eine so gute Frau. Manchmal komme ich mit ihr zusammen, zu einer Tasse brittisch-schwarzem Tee und wir plaudern über die Lebensumstände der Dörfler und der Gypsys.

Mit ihrem pädagogischen Wissen, ihrem Schauspielvermögen, anderem Vermögen – und vor allem der !Zeit! schaffte und möchte und brachte sie hier Veränderung in einem Ausmaß – die Leute kennen sie dafür. Eine Veranstaltungshalle ließ sie gleich neben der Schule hochziehen; von Volontären von der Insel MAN, 20 Leute, die Anwohner quartierten sie gern für ein paar Tage ein. Francesca, meine ital Mitbewohnerin ist gerade am Ausklügeln und Schreiben eines After-School -Projektes (Hort&Hausaufgabenbetreuung) mit der älteren Misses, welches mit dem nächsten Schuljahr starten soll. Sie werden versuchen, es über die EU- Komission laufen zu lassen. Ich bin gespannt, und froh über den Einsatz von Francesca … na, wegen der Kinder, und deren schönen Macken.

Wenn einer von euch solche Unternehmungen unterstützen möchte, der sollte sich bei mir melden. Ich wäre hoch hoch erfreut, denn ich weiß, dass Lächeln über allerhand Gesichter huschen wird, wenn die Spenden Umwandlung finden. Den Kindern gibt es die Möglichkeit für Erfolg. „Persönlich stehe ich mit meinem Namen dafür!“
Es gibt da eine feine Bankverbindung (,die sogar schon im Gemeindeblättl von Weißenborn erschienen ist) und die würd ich euch weiterleiten.

Die Zigeuner

So viele so mystische und nicht klare Worte hörte ich über dieses … Volk (? ) vor meinem Abstecher. Ich malte mir ein Bild von fahrenden Straßenkünstlern, heimatlose Akrobatenfamilien in Zeltwagen, dunkle, teils verhangene Gesichter, bei deren Anblick sich in mir Scheu ausbreitet, provisorische Lehmwellblechdachhütten-Slums in mitten von Stadtgewirr. Klar ausgedrückt hatte ich keinen blassen Schimmer (und bin noch immer umnachtet, wie wir wohl alle bleiben werden, wenn wir versuchen, in Gypsygedanken zu schlüpfen).

Aber vom Anfang.
Aus hoher Missverständniswahrscheinlichkeit mit der italienischen Hauptstadt Rom sieht die Regierung für die Roma offiziell den Namen Ţigan vor. Bestätigt wurde mir das, als mich vor Kurzem ein Streifenpolizist, fellbemützt, danach fragt ob ich einen jungen Ţiganmann und 2-3 Copii (Kinder) gesehen hätte. In meinen Kreisen wird eher von Gypsys gesprochen.
Die Wurzeln des Zigeunervolkes liegen in Indien; das aber ist nicht eindeutig geklärt. Daher die dunkle Haut, Augen, Haare, flatterhaft bunten Kleider, orientgeprägte Musikausdrucksweise. zwischen 500 und 1000 nach Christi Geburt sollen sie in mehreren Wellen als Sklaven aus ihrer ursprünglichen Heimat Richtung Westen verschleppt worden sein, zuerst in das Gebiet des heutigen Irans, später in das Osmanische Reich.
Ihre Fährten, die man über ganz Europa verfolgt, sind Jahrhunderte alt. Die Zigeuner waren da, bevor sich die dominanten, heute ortsfesten Volksgruppen, in Staatsgrenzen einpfärchten. (Sind die Völker gebunden an Orte, zu Regionen zugeteilt, entstehen die heute bekannten Gebietsanspruchskonflikte, ethnische Konflikte, Unabhängigkeitsbestrebungen). Weltweit findet man 12 Mio Sinti und Roma, in Europa verstreut davon 8 Mio.

Tatsächlich sind sie innerhalb Rumäniens größtenteils sesshaft (nicht wie ich glaubte in Planwagen unterwegs), haben einen rumänischen Pass, wenn sie registriert sind, bekommen Minderheitenvergünstigungen (z.B. dürfen Gypsykinder das Schulessen gratis beziehen). Wenn man in Frankreich welche antrifft, heißt es nicht, man trifft Rumänen, denn es ist ein unabhängiges Volk, das überall präsent ist, überall Scherereien macht. Naja, diese Übeltäter werden dann fast ausschließlich Rumänien zugeordnet, und am Ende setzt sich in den Nachrichten-überfüllten Köpfen fest: „ahh ja, Rumänen, das sind doch die Zigeuner, oder zumindest…“ usw. Die typische Geschichte ist: In den italienischen Nachrichten wird von einem Kriminalakt eines Rumänen an einer jungen Italienerin berichtet, wahrheitsgetreu die bösen Gypsys, nicht die Rumänen selbst. Und schon ist der Stereotyp wieder manifestiert. Genau deshalb (auch wegen der Nutzlosigkeit und Faulheit ) sind Gypsys den meisten Rumänen ein Dorn im Auge.

Tatsächlich überall präsent begegnet man ihnen auf fahrenden Motoren, neben klapperdürren Pferden gespannt vor ihren Planwagen ohne Plane, auf der Promenade und dem Basar Löffel vertickende Bubis, paradiesvogelhafte Gypsyfrauen mit Zöpfen stolz die dicke Wampe neben ihrem ungarisch behuteten Mann hertragend, Gypsymädchen neben der Hausmülltonne nach einige Placintaröllchen zwischen Küchenresten und Plastikgewirr kramend.

Wenn ich sie unterrichte, Ovidiu oder Marius, Roxana I oder II oder Ioana oder Natalia, oft sind sie aufmerksamer als die Rumänen, haben einen so scheu wissbedürftigen Welpenblick drauf, diese goldenen Schneidezähne, und diese Lust auf mehr, die aus den braunen Kullern funkelt. Sie sind nicht anders dumm oder intelligent als Rumänen, als der Rest des weißen Europas.

Woher aber kommt das Bani, das Geld, wenn ihre moralische Vorstellung von Arbeit der Lohnarbeit so entgegensteht, von unsren Augen meist als Faulheit angesehen wird? – Quellen gibt’s, auf die kommt man gar nicht! Für etwas Essbares schnell auf die Hand, sammeln Stadtzigeuner verwertungswürdige Lebensmittelreste aus Kontainern. Als Gelderwerb ist das Sammeln von Metallteilen populär. Dafür wird an allen Türen geklopft und erfragt und schon mal an Autos oder Fernwärmerohren abmontiert. Früher häufiger, gehen einige Familien über Generationen einem bestimmten Handwerk nach. Da wäre das Anfertigen von silbernen Dachrinnen(-zierden, womit einige Zigeunerpaläste so kunstvoll verziert sind), Kupferkesseln, Kochlöffel, das Korbflechten, Besenbinden und Holzspalten. Im Sommer streifen Großfamilien in die Wälder und Gebirge, für Kisten voller Pilze, Früchte und Beeren, zur Freude der Importeure, denn wer macht schon diese Sauarbeit?

Um das alles etwas nachvollziehen zu können nun einige Empfehlungen.
Einen Film: „The Time of the Gypsy“ von Kusturica (überwältigte mich gestern Nacht ob der noch nie erwägten Lebensphilosphien), und die Arbeiten von Tony Gatlif
Musik von Gogol Bordello für den Zigeuner-Punk- Fanatiker, und die Filmmusik zu „Gadjo Dilo“ von Adrian Simionescu