Archiv für April 2011

Auf den Schmorfeldern von Mitte März beginnt jetzt die natürliche Saat zu treiben. In dieser Jahreszeit geht man sehr tolerant mit Flächenbrand um, er wird, gezielt und geleitet von Hirten, zur Fruchtbarmachung der Böden genutzt. Das macht einen Flickenteppich, bis an die Straßen reichend – war es ein ansehnliches Feuer, hab ich den Wärmedruck im Autobus auf dem Gesicht gespührt.

Unter der Fahne der EU.

Rebhühner peitschen vom Weg.

Ländliche Höfe, dies auch in der Stadt gibt, haben große bunte Fassaden und verzierte Tore. Das macht neugierig. Gut, meine Neugier nicht zu Zügeln hab ich mir eh hinter die Ohren geschrieben. Das schöne ist, man geht einfach vorbei und klopft an die Tür um mit bisschen interessiertem und tagträumerischem Geplänkel etwas vom nahen Leben zu sehen. Mehr noch auf dem Dorf ist für die Leutchen persönlicher Bezug zu den Menschen in ihrem täglichen Umgang so wertvoll, dass sie dich auch als, sagen wir, das Geschenk des Tages behandeln. Wenig Nutzen bringt ihnen das zum Sich-Vereinzeln neigende „AllerWeltsWissen“. Brauche keinem erklären, was ein Bauer in seinem Kopf bewegt. Nicht von den ständigen Existenzgedanken. Vielleicht aber sollte ich erzählen, wie so gut wie jeder ältere Mensch mir von den Kindern in der Großstadt oder Madrid .

Doch recht oft bekomme ich jetzt gesagt, wie anscheinend gut ich Rumänisch spreche. Praktisch kann ich noch nicht mal die Personalpronomen richtig einsetzen, Halbes Jahr und eine neue Sprache? Nayá … ist das demzufolge für mich das Startsignal für Magyar/Ungarisch? Anscheinend! Denn 4 Wochen hab ichs schon ausgehalten inmitten einer Sprache, die von einigen Rumänen als hässlich abgeschoben wird.

Das leitet uns auch gleich in den Boxring. Wem gehört Transsilvannien? Besitzansprüche vers. Abtretungspathos von Seiten Ungarns gegen jetzigen „Landbesitz“ durch Rumänien. In meiner Pension wird dieses Drama zu jeglicher Gelegenheit wunderbar dargelegt.
Mein Gastvater hat von seinem Vater hat er gelernt, das Margarine nur Petrol ist; Speckfett das beste Gemüse ist; scheinbar auch, dass man Arbeit nur an sichtbaren Resultaten erkennen kann. Beispielhaft sorgt er für seine Familie aus, kein Tag an dem nicht 2 Zigeuner zum Arbeiten bestellt, kein Sonntag ruhig ohne Telefonate, heute wurden neue Sonnenkollektoren aufgebaut.

Eine doch erstaunliche Kaufkraft gibt es hier in Rumänien. Shopping-Malls, Praktiker und Juweliere sprießen. Ich habe gehört, nur die 40 % starke Landbevölkerung und der große Rentneranteil würden die Quote drücken. Nah wenn dass nicht mal ein positives Argument für das Frischlings-EU-Land ist.

Die Magnolien stehen angeputzt an der Straße, wartend, dass die Bienenstockpforte aufgesperrt wird.

Da steh ich am Abwasch und stell mir die 9 stündige Zugfahrt am Sonntag vor, die ich zum Mittel- Seminar aufzunehmen hab. Recht belustigt nehm ich wahr, wie ich jetzt schon weiß, mit welch anderen Prioritäten ich dort die gesamten Selbsterfahrungsübungen auf mich wirken lassen werde, weniger klein werde ich sein. Schon jetzt im Stehen weiß ich, auf welch gesetzte Art ich im Demmelzug nach Predeal tuckern werde. Ich hoffe wir sitzen im richtigen Abteil, indem eine fahrende Gypsyband ihre Instrumente zum Spiel auspackt und die mir nun etwas geläufige Landschaft in neuen Farben zeigt; mich die allmähliche Gelassenheit gegenüber rumänischen Eigenheiten nicht ganz einnehmen kann.

Hab mir Urlaub genommen, schon wieder

Ein 25-Stunden-Theater-Marathon mit morgendlichem Revitalisierungsprogramm:

Mittwoch hab ich Sage und Schreibe 7 Stunden auf meine deutschen Gäste gewartet. Langeweile treibt einen Morgends halb 9 zu solch einer Aussicht:

Nach noch ner Burg und nem reichlichen Königsessen, Flucht ins Gebirsch:

Von Sternen zu Stehlen

Ich hab eine Geschichte erzählt bekommen.
Eine Journalistin kannte eine alte Gypsyfrau, die sich mit ihrem letzten Besitz niedergelassen hatte. Ein Herrenhaus war es gewesen, in dem sie ihr „Pension“ verlebte, herrschaftliche Fassade, herrlich und stattlich anzusehen. Vorerst für keinen nachvollziehbar, riss die alte Frau mit eigenen Händen ein Loch in die Decke, ins Dach wohl auch. – Weshalb sollte man so etwas unvernünftiges tun? So fragte auch die Jounalistin nach, ganz brüderlich. Und wie ich mir so ein runzlig-weiches Großmuttergesicht einbilde meinte sie zur Antwort, sie könne nicht schlafen, ohne die Sterne Nachts.
Wie ich finde, zeigen diese Verse wunderbar, mit was für einer anderen Sichtweise aufs Leben geschaut werden kann, durch welche Prioritäten man angetrieben sein kann.

Vom vergangenen Winter vergisst man einen tränenrührenden Vorfall nicht.
Hinter einem Waldstück, durch das eine für mich zur Zeit wichtige Anbindungsstraße nach Oradea verläuft, bezogen ein paar von der Kälte gepeinigte Zigeuner einen Futterkrippeähnlichen Unterstand, der ihnen offensichtlich nicht gehörte. Sie zogen provisorische Wände rein (Blickschutz^^). Sie waren sicher. Nach einigen Wochen wurde die Policia von einem Spitzel, vielleicht einem benachbarter Bauer, darüber unterichtet. So wars dann auch vorbei. Die Zigeuner wurde aggressiv rausgetrieben, was mit ihnen passierte, kann ich nur vermuten. Was allerdings erschüttert: die Bonzenpolizei nimmt sich heraus den angesammelten Hausrat zu nem Feuerchen zu türmen, später alle zurückbleibenden Klamotten zu verbrennen.

Meine Bekannte mit ihrem frisch vermälten Holländer kann nur zuschauen, sprachlos, hilflos.

Engstirnisch, gekauft. Sein eigenes Gewissen ist nicht zu schade, um dem Armen das letzte Hemd zu verbrennen. Mafiosis stehen ja hinter einem, die wirklichen Verbrecher, die offensichtlichsten werden zu den populären Persönlichkeiten der Kleinstadt, auch deshalb unantastbar. Statt zu versuchen, den Erbärmlichsten kleine Hilfen zu geben, wir ihnen das Wenige genommen, und sich müssen wieder illegal schuften, fremdes Eigentum an sich bringen. Was für eine mordsmäßige Diskriminierung, zugelassen.

Wisst ihr eigentlich, das Wort ’stehlen‘ kommt in Țigani (Sprache der Zigeuner) gar nicht vor, nichtmal die Idee davon ist vorhanden. Traditionell hat der Zigeuer kein „Privateigentum“.


rechts oben, 2.v.r., ist ein EFD´ler, Goldschmied aus Portugal, wir haben das Angebot des Cafés genommen (Kaffee und Coissant), die Gypsy Sahnetorte zum Samstag morgen